„Mit dem Wissen von heute, dass es auch schiefgehen kann, würde ich über eine Teilzeit-Gründung nachdenken – damit noch Zeit für andere Dinge bleibt, die mir wichtig sind“

Sophie von Lilienfeld-Toal hat an der Uni Kassel Ökologische Agrarwissenschaften studiert. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin der „Gesellschaft für angewandte Wirtschaftsethik“. Das Unternehmen bietet Zertifizierungen für nachhaltig wirtschaftende Unternehmen an und hat seinen Sitz in Bad Sooden-Allendorf.

Wie ist die Idee entstanden, den CSE-Standard anzubieten? Was ist das Besondere?
Der CSE ist aus einem Pilotprojekt entstanden. Bis dahin gab es lediglich Produktzertifizierungen für ökologisch orientierte Unternehmen. Dabei fließt aber nur ein Teilbereich dessen ein, was viele Unternehmen machen. Ich hatte bei einer Zertifizierungsstelle mit Kunden aus dem Kosmetik- und Naturproduktebereich zu tun, die sich nicht nur reine Produktstandards wünschten, sondern eine umfassende Zertifizierung. Die Kunden sind dankbar, dass wir das komplizierte Feld der Nachhaltigkeit in bedienbare und umsetzbare Kriterien runterbrechen. Unser USP: Wir entwickeln und bewerben Standards mit einer Kombination aus messbaren, absoluten und flexiblen Kriterien.

Was waren die ersten Schritte um die Idee umzusetzen?
Ich habe Unternehmen angesprochen, von denen ich wusste, dass sie sich für diese Zertifizierung interessieren. Für die Zeit der Entwicklung wurde ich durch das EXIST-Gründerstipendium unterstützt. Das war ein starker Beschleuniger. Ich habe die ersten Pilotkunden zu einem Kick-Off Termin eingeladen und dann gemeinsam mit ihnen in verschiedenen Treffen Vorschläge für mögliche Zertifizierungskriterien diskutiert. Aus den Rückmeldungen dieser gemeinsamen Treffen und Diskussionen entstand mein Zertifizierungssystem. Am Ende des Projektjahres habe ich die „Gesellschaft für angewandte Wirtschaftsethik“ gegründet.

Wie hast du dein Angebot bekannt gemacht?
Man ist ja erstmal ein NIEMAND. Du brauchst jemanden mit Kontakten, der dich vorstellt und den Erstkontakt herstellt. Ich bin auf Messen gegangen und hatte den Vorteil, mit einer Zertifizierungsstelle zusammenzuarbeiten und von deren Kontakten zu profitieren.
Mein Tipp: Bevor ihr richtig loslegt, viele Kontakte knüpfen.

Du hast eine Unternehmergesellschaft UG gegründet. Was waren die Vorteile? Warst du mit der Rechtsform zufrieden oder was würdest du anderen Gründerinnen und Gründern raten?
Jetzt weiß ich, dass es doch nicht so unerheblich ist, welche Rechtsform man wählt.
Ich habe eine Unternehmergesellschaft gegründet, die bereits ab einem Euro Mindeststammkapital haftungsbeschränkt ist. Mir war bei der UG jedoch nicht in dem Maße klar, was das für den betriebswirtschaftlichen Alltag bedeutet. Als UG hat man alle Auflagen und Pflichten einer GmbH, d.h. allein die Rechtsform kostet schon etwas, was ja auch irgendwie reinkommen muss. Um das Ziel der UG zu erreichen, nämlich das Stammkapital einer GmbH zusammen zu kriegen, muss man Gewinne machen. Diese wiederum werden sehr stark besteuert. Aber gerade am Anfang braucht man jeden Cent für den Aufbau und ist eigentlich nicht in der Position Gewinne zu machen. Daher ist eine UG ein langer und steiniger Weg, wenn man nicht irgendwann eine Kapitalerhöhung vornimmt.
Mein Tipp: Fragt andere Unternehmer_innen, die in einer ähnlichen Branche unterwegs sind.

Was motiviert dich?
Ich hatte von Anfang an fünf Pilotkunden, mit denen ich konkret meine Idee umsetzen konnte. Auch heute gibt mir das Feedback meiner Kunden viel Motivation. Ich freue mich, wenn mir ein Kunde sagt, dass ihm bei anderen Standards immer etwas fehlt und bei uns alles passt!

Gab es auch Rückschläge?
Ja, es gab auch eine sehr schwierige Zeit, in der es mir finanziell nicht gut ging. Ich kam dann zu dem Punkt, an dem ich merkte, dass ich andere Lizenzgebühren kalkulieren muss, wenn ich mein Geschäft auf solide Füße stellen will. Ich habe mir zu der Zeit gesagt, „Alles oder nichts, wenn es so nicht funktioniert, dann geht es eben nicht!“

Hast du dich in dieser Phase mit anderen ausgetauscht?
Nein, es hätte mir wahrscheinlich extrem geholfen, aber das habe ich damals nicht gesehen. Heute bin ich viel offener für einen Austausch, auch, weil ich jetzt Ressourcen dafür habe. Wenn man aber wirklich mit dem Rücken zur Wand steht und an allem zweifelt, ist man nicht offen dafür. Wir haben in Deutschland keine Versagerkultur. Es ist stigmatisiert. Ich habe dann auf meine Familie, meine Eltern und Geschwister zurückgegriffen, die mir großen Rückhalt geben.

An diesem tiefen Punkt habe ich mir gesagt: Vielleicht ist es auch gar nicht schlimm, wenn es nicht klappt, dann habe ich auch mal Zeit für andere Dinge, die mir wichtig sind. Und dann ist mir aufgefallen: „Moment mal, diese Dinge kann ich auch jetzt machen. Ich muss mir das nur einrichten. Ich bin ja meine eigene Chefin!“

Es ist toll, zu gründen und ich denke, ich kann sehr, sehr gut produktiv arbeiten, weil ich es mir selber einteilen kann. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen und es ist total befriedigend, dass zu machen, von dem ich mir dachte, dass es funktionieren würde. Trotzdem würde ich dazu ermutigen, über eine Teilzeit-Gründung nachzudenken, damit noch Zeit für andere Dinge bleibt, die wichtig sind. Ich versuche, die Nachmittage frei zu halten und sie mit anderen schönen Tätigkeiten z.B. meinen beiden Kindern zu verbringen.
Mein Tipp: Einen Plan B für sich selber – nicht fürs Unternehmen – in der Tasche haben.

Worauf bist du stolz?
Stolz? Mit dem Begriff kann ich wenig anfangen. Ich bin froh darüber, dass unser Angebot ankommt und sehr glücklich bin ich darüber, dass sich ein richtig tolles Team gebildet hat. Junge, sehr engagierte und kompetente Leute sind dabei und machen mit. Besonders, dass wir jetzt zu zweit in dem Geschäftsalltag sind: Paula unterstützt mich im Bereich Marketing/ Öffentlichkeitsarbeit.

Wie gehts weiter?
Bisher bieten wir auf Unternehmensebene den CSE-Standard an und auf der Produktebene zwei Produktzertifizierungen: für die Kosmetikbranche und für Produkte aus natürlichen Rohstoffen, also z.B. Waschmittel, Mückensprays, etc.. Derzeit sind wir dabei, weitere Standards zu entwickeln.
Außerdem bauen wir unsere Unternehmenswebsite auf. Sie ist die Grundlage für unsere Öffentlichkeitsarbeit/Marketing mit der wir noch dieses Jahr zu zweit vermehrt einsteigen werden…..
Nächstes Jahr möchten wir unsere Produkte digitalisieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hier geht es zum Beitrag „Selbst über meine Zeit und den Inhalt meiner Arbeit zu bestimmen, ist produktiv“ – Dr. Andrea Dührkoop, UNIKAT-Postdoc Fellow aus Witzenhausen.

Hier geht es zum Beitrag „6 Voraussetzungen, die euer Projekt erfüllen sollte, wenn ihr euch für ein EXIST-Gründerstipendium bewerbt“.

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