Textilprofi Nadja Porsch: „Ich wollte mich später nicht fragen, wie es gewesen wäre, wenn ich mich selbstständig gemacht hätte“

Nadja Porsch hat während ihrer Diplomarbeit ein Verfahren entwickelt und patentiert, bei dem der Webstuhl das Produkt schon vorkonfektioniert produziert. Nach zwei Jahren Industrieerfahrung in der Heimtierbranche machte sich die quirlige Kunsthochschul-Absolventin 2010 selbstständig. Heute entwickelt Nadja Porsch als Textilprofiler neben Corporate Wear auch weiterhin Produkte für den Heimtierbedarf und bietet Ideenworkshops an. Die Textilexpertin trägt gerne schwarz mit pink-farbenen Accessoires und ist auf Messen mit ihrem großen Schaufensterhund unterwegs. Auf dem Gründerblog erzählt sie, was ihre Mission ist,  wofür ihre Unternehmensfarben stehen, wieso sie gerne über ihre Ideen spricht und wie sie ihren Arbeitstag strukturiert.

Es geht in meinem Leben seit der Schulzeit um den textilen Bereich. Nach einem Praktikum im Theater habe ich dort meine Schneiderlehre gemacht und anschließend an der Kunsthochschule Kassel Design textiler Produkte und Systemdesign studiert. Das Thema Textil fand ich immer spannend, ich wollte wissen, wie man Stoffe herstellt und Produkte daraus macht. Diese Begeisterung ist einfach immer sehr groß gewesen. Ich lese kaum Bücher, wenn ich aber lese, dann sind es Chemiefaserbücher – dabei kommen Ideen, wofür ich diese Materialien verwenden könnte. Das ist wie bei einem Extrem-Hobby.

Für mein inzwischen geschütztes Verfahren, bei dem der Webstuhl ein Produkt schon vorkonfektioniert produziert, habe ich 1.543 Patente zum Thema „Webverfahren“ und „Krawatten“ gelesen und festgestellt, dass es in der Patentdatenbank kein Verfahren gibt, das so ist wie meins. Danach musste ich prüfen, ob es das Verfahren weltweit gibt und Schutzansprüche formulieren. Ein Patentanwalt hat mir bei den Formulierungen geholfen und nach zwei Jahren war mein Patent dann durch. Eine konkrete Verwertungsanfrage habe ich bislang nicht erhalten. Es gibt bisher nur wenig Webstühle dieser Art und vielleicht ist man noch nicht auf die Idee gekommen andere Produkte, wie z.B. Hüte, Hosen oder Taschen auf diese Weise zu produzieren und Konfektionskosten zu sparen. Mal sehen, was noch passiert.

Ich habe mich gefragt, wie es wäre, selbstständig zu sein – könnte das klappen? Ich wollte mich später nicht fragen, wie es gewesen wäre, wenn ich mich selbständig gemacht hätte. Nach dem Studium an der Kunsthochschule Kassel habe ich noch zwei Jahre Industrieerfahrung bei einem Produzenten in der Heimtierindustrie gesammelt. In dieser Zeit war ich viel im Ausland und bin nach China gefahren, habe Kontakte und Erfahrungen gesammelt und die Zeit genutzt, um Geld zu sparen. Mit 29 Jahren habe mich dann nach Schneiderlehre, Studium und Industrieerfahrung selbstständig gemacht. Ich wußte immer, dass ich Textil liebe und davon nie genug bekomme. Ich möchte Textil-Know How in die Welt bringen, damit Menschen und Tiere bessere Produkte bekommen. Das ist meine Mission.

Als Designerin bin ich die beste Botschafterin meiner Produkte. Viele Designer glauben, sie haben den Berg erklommen, wenn das Produkt fertig ist, aber tatsächlich ist man erst auf der Hälfte. Wenn man sein Produkt gar nicht verkaufen kann, dann sollte man sich noch jemanden ins Team holen, der das Marketing und den Vertrieb übernimmt.

Früher war meine Vorstellung, dass ich Kunden über Directmails oder die Website gewinne. Aber heute weiß ich, dass im Design vor allem die weichen Faktoren wichtig sind, das Vertrauen zur Person des Designers. Deshalb gewinne ich viele Kunden über Empfehlungen: Wenn ich Kundenbekleidung entwickeln möchte, die funktionell und schön ist, bedeutet das für viele Menschen etwas völlig Unterschiedliches. Würde ich nur nach meinem Geschmack entscheiden, hätten alle Kunden die gleiche Firmenbekleidung. Deshalb brauche ich als Designerin ein großes Einfühlungsvermögen, eine große Empathie.

Ich bin sehr kommunikativ und wenn ich Menschen von meinen Projekten erzähle, bekomme ich zwangsläufig ein Feedback. Wenn man Ideen teilt, kommt immer was zurück. Als Designerin geht es bei mir um Produkte, ich habe immer was dabei und kann immer etwas zeigen. Wenn ich auf Messen unterwegs bin, habe ich auch schon mal meinen Schaufensterhund dabei und komme dabei mit vielen Menschen ins Gespräch.

Meine Firmenfarben drücken meine Firmenwerte, meine Identität aus: Ich arbeite sehr passioniert, fachkompetent und ideenreich. Neben  einer soliden Designleistung liefere ich Bestellübersichten in Excel mit Konfektionsgrößenangaben und Verfügbarkeiten.
Schwarz, weiß und pink sind meine Firmenfarben und haben auch eine Bedeutung, die aus meinen Firmenwerten entstanden sind und mir helfen, mich zu strukturieren: Schwarz ist der Grund, die Basis. Meine archivierten Kundenprojekte, Steuerordner und Rechnungsordner sind schwarz.
Pink dagegen ist die Inspiration, weil es eine energetischere Farbe ist.
Weiß ist textiles Fachwissen: Also meine Lieferanteninfos zu Textilien, Garnen und Stoffen und Fachvorträge.

Ich arbeite nach einem strukturierten Designprozess und einer klaren Tagesstruktur.
Mein Tipp: Bis mittags erstmal die wichtigsten Aufgaben erledigen.
Auf keinen Fall morgens schon die Mails checken. Erst arbeite ich an den Kundenprojekten, der Kommunikation und Akquise. Die administrativen Arbeiten erledige ich nachmittags. Das ist manchmal schwierig, weil einige Aufgaben auch dringlich sind. Aber trotzdem: Erst auf der To-Do Liste die wichtigsten Aufgaben raussuchen, die auf jeden Fall erledigt werden sollen und die man in der produktivsten Zeit erledigen will!

Ich arbeite mit der To-do Liste von Apple, einer „Bunte Stunden Liste“ und einer „Erfolgsliste“.
Die To-Do Liste hilft mir, Aufgaben zu strukturieren und zu erledigen. Manchmal schaffe ich weniger, manchmal mehr. Manchmal schätzt man den Aufwand auch geringer ein, als er tatsächlich ist und dann hilft es, die große Aufgabe in kleinere Aufgaben zu unterteilen oder jeden Tag z.B. eine Stunde an dieser Aufgabe zu arbeiten, um auch noch Zeitfenster für andere Arbeiten zu haben.

Neben der To-do Liste nutze ich eine „Bunte Stunden Liste“, eine Excel Liste, die mir zeigt, wieviel Arbeitszeit ich für welchen Kunden gearbeitet habe. Die Kunden markiere ich in unterschiedlichen Farben. Die Liste zeigt mir, ob die Zeit in der Kalkulation liegt oder ob ich durch weitere Spezifikationen und Zusatzwünsche mehr Zeitaufwand habe, den ich rechtzeitig an die Kunden kommunizieren muss.

Außerdem habe ich eine Erfolgsliste für jedes Jahr. Dort notiere ich, was mich besonders gefreut und motiviert hat. Das kann die Veröffentlichung eines Artikels in einer Fachzeitschrift sein oder ein Vortrag. Die Geburt meines Kindes im letzten Jahr steht natürlich auch auf dieser Liste! Wenn es schwierige Tage gibt, dann kann ich auf meine Erfolgsliste schauen und das motiviert mich natürlich.

Jeder hat ja Netzwerke, egal ob familiäre Netzwerke oder berufliche. Mit allen hat man etwas gemeinsam. Aus Netzwerken ergeben sich manchmal auch gemeinsame Projekte. Manchmal denkt man, jemand, der das gleiche macht, sei ein Konkurrent. Aber das ist er nicht. Ich habe eine Freundin, die die gleiche Passion hat wie ich. Ich habe ein Hundehalsband designt und wusste, dass sie ein Programm hat, mit dem sie 3-D Schottenmuster designen kann. Ich habe also das Design gemacht, sie hat das Stoffmuster kreiert und wir haben uns die Einnahmen geteilt. Es ist schön, so zusammenzuarbeiten.

Das ist auch ein super Beispiel dafür, dass man nicht immer alles alleine machen muss. Mein Tipp an alle, die sich, so wie ich auch, oft schwer damit tun Aufgaben abzugeben, weil der Eigenanspruch möglicherweise nicht erreicht wird: Gebt ab, um mehr Zeit für die Arbeiten zu haben in denen ihr wirklich gefragt seid.

Seit mein Sohn geboren ist, versuche ich noch mehr zu schauen, wie ich meine Zeit noch effizienter nutzen kann, damit genug Zeit für mein Kind bleibt. Dank der Unterstützung meiner gesamten modernen, toleranten Familie gelingt das sehr gut.

Aufgezeichnet von Gabriele Hennemuth

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