Crowdfunding-Kampagne zur „Rettung der ältesten Videothek der Welt“

Videotheken sind geheime Orte, an denen Menschen unbehelligt von Spuren im Netz ihrer Film-Leidenschaft frönen können. Der Film-Shop in Kassel, die älteste Videothek der Welt, wird im Oktober schließen. Für Ralf und Benjamin von Randfilm e.V. ist diese Videothek ein sehr besonderer Ort, den es als Kulturgut zu retten gilt.

Ihr habt euch entschlossen, eine Crowdfunding-Kampagne zur „Rettung der ältesten Videothek der Welt“ zu starten. Wer seid Ihr und was habt ihr vor?
Ralf: Mein Name ist Ralf Stadler.
Ben: Ich bin Benjamin Mertens.
Ralf: Wir sind von Randfilm e.V., einem gemeinnützigen Verein zur Förderung der abseitigen Filmkultur und des Abseitigen insgesamt. Abseitiges kann alles sein, was im Mainstream keinen Platz findet, Genrefilme, wie Horrorfilme oder Western, aber auch Übersehenes, Verdrängtes, Zensiertes holen wir ins Bewusstsein und sorgen so dafür, dass es eine kulturelle Vielfalt gibt, die über die Massentauglichkeit hinausgeht.
Es geht um Konfrontation, sich nicht in Gemütlichkeit wegzukonsumieren, sondern uns immer wieder zu konfrontieren mit Dingen und gedanklichen Orten, an die man man sonst nicht alleine hinmöchte.
Abseitig kann viel sein, nicht bloß Film. Und in dem Moment, wo eine Videothek mit 20.000 DVDs vor dem Aus steht, ist das auch ein ungeliebtes Kind der Filmgeschichte, was uns auf den Plan ruft. Im Moment glauben alle, dass man die Videotheken nicht mehr braucht und das sehen wir nicht so, vor allem, wenn es sich um die älteste Videothek der Welt handelt. Und deswegen retten wir sie jetzt.

Seid ihr privat begeistert oder wie ist der Wunsch entstanden, die Videothek zu erhalten?
Ralf: Die Mitglieder unseres 14-köpfigen Vereins sind beruflich breit gestreut: Ben ist in der Pflege tätig, es gibt Verwaltungsmitarbeiter, ich habe als Filmemacher auch beruflich mit der Materie zu tun.
In erster Linie ist unsere Kampagne aber ganz klar eine Kundeninitiative: Ich bin seit 15 Jahren Kunde bei Ekki im Film-Shop. Als er mir im Juni sagte, dass er aufhört, war ich schockiert. Für mich persönlich ist es eine Riesenkatastrophe: Ich bin nicht damit einverstanden, dass jeder Film, den ich mir anschauen will, vom „großen Bruder“ aus dem Netz beobachtet wird. Ich leih auch gerne mal „Schmuddelfilme“ aus, das muss ja nicht jeder mitkriegen. Die Videothek ist ein geheimer Ort, wo man unbehelligt Phantasien ausleben kann, ein Spielplatz für Erwachsene. Ich kann mir eine Welt nicht vorstellen, in der dieser Ort fehlt. Ich muss auch gar nichts ausleihen, ich lese mir gerne die Beschreibungen der Filme durch, unterhalte mich, es ist für mich vergleichbar mit der Lieblingskneipe oder einer Bücherei: die Videothek ist für mich ein Ort, an dem ich gerne bin.

Auf den ersten Blick ist diese Videothek nicht besonders ansprechend, sie liegt im Schillerviertel und einige kennen vom Vorbeifahren die vergilbten Plakate im Fenster. Trotzdem wollt ihr mit der Videothek ein wichtiges „Kulturerbe“ erhalten. Was macht diese Videothek so besonders?
Ralf: Videotheken haftet ja seit es sie gibt so ein halbseidener Charme an. Stichwort: Pornofilme, die lange eine wirtschaftliche Stütze von Videotheken waren. Alleine durch diese Trennung in Erwachsenenbereich und Familienbereich durch einen Vorhang entsteht eine verbotene Zone. Wo gibt es sowas? In eine Buchhandlung kann jeder reingehen und sich „fifty shades of grey“ kaufen, das hat nicht so was Verbotenes.

Im Umkreis der Videothek gibt es bisher kein Café und keine Büdchen. In der Zeit, in der wir da sind, sind schon viele Menschen vorbeigekommen, die einen Riegel oder ein Getränk kaufen wollten. Ich denke, dieser Ort hat als Begegnungsstätte eine wichtige Funktion! Wir haben in den Wochen der Kampagne unglaublich viele Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten kennengelernt, die sich mit uns über Filme ausgetauscht haben. Hier haben wir eine Durchlässigkeit, die wir an wenig anderen Orten haben. Die Empfehlungen spielen sich auf einer netten Ebene ab, da gibt es nicht wie im Internet „hater“ oder Miesmacher, sondern es stehen sich reale Menschen gegenüber, die für ihre Meinung einstehen.

Ben: Als Nutzer von Streamingdiensten hinterlässt man eine nachvollziehbare Spur im Internet. Ich find es gruselig, wenn ich nach einer DVD google und dann immer wieder Werbung für DVDs eingeblendet werden. Da ist es mir lieber, mein Videothekar sagt mir, wenn er den zweiten Teil meiner Lieblings-DVD hat.

Ralf: Es geht um Vertrauen, aber auch um den Erlebniswert des Teilens. Bei Online-Bewertungen übernehmen die Personen keine persönliche Haftung für ihre Empfehlungen, aber wenn mir Ekki in der Videothek etwas empfiehlt, dann hat das für mich eine ganz andere Qualität.

Was wollt ihr belassen, was wollt ihr neu erfinden?
Ralf: Dieses leicht Verfilzte, dieses Verstaubte, das einer Videothek anhaftet, möchten wir aus den Regalen holen. Wir glauben, dass das Konzept „Videothek“ eine Zukunft hat, weil es immer ein Bedürfnis geben wird, rauszugehen und Dinge zu erleben und nicht nur zu konsumieren, sondern auch Teil der Welt draußen zu sein. Deshalb glauben wir auch, dass das Konzept mit uns eine Zukunft hat.

Wir wollen die Videothek ein Stück weit neu erfinden, gleichzeitig möchten wir auch Teile so belassen, wie sie sind und wie sie seit 43 Jahren waren. Ein Teil wird Videothek-Museum sein, mit der Möglichkeit, Filme auf den ursprünglichen Abspielgeräten, wie VHS oder Super-8 abzuspielen. Zusätzlich soll es ein Café geben, in dem man sich Filme direkt anschauen kann. In diesem Spannungsfeld zwischen Erhalt einerseits und Erneuerung andererseits möchten wir operieren.

Das Medium DVD hat eine starke Aufwertung durch Mediabooks erfahren, die Booklets und Extras anbieten. Das ist ein enormer Mehrwert. Wir möchten uns auf gute Editionen spezialisieren, die nicht im Streamingdienst angeboten werden. Wir haben als Randfilm e.V. gute Kontakte zu Verleihern, die wir nutzen wollen.

Ben: Bisher bot die Videothek keine Möglichkeit, von draußen reinzuschauen. Das haben wir geändert. Wir haben die vergilbten Plakate aus den Fenstern geholt und Wände geöffnet, sodass wir ein Schaufenster haben. In diesem Bereich finden auch unsere August-Events statt.

Wie findet Eckhard „Ekki“ Baum, der Gründer des Film-Shops, die Kampagne?
Ben: Er findet es super und er freut sich darüber, gleichzeitig ist es auch nicht leicht, Veränderungen zuzulassen. Es ist ein Prozess. Am Samstagabend, bei der 2. KICK-OFF-PARTY, hatten wir Casio Rakete da, einen wahnsinnig coolen Entertainer, der sich DVDs rausgesucht hat und zu jedem Song nochmal einen Filmbezug hergestellt hat. Ekki war sehr begeistert und hat sich gefreut, dass so viele Menschen in der Videothek waren.

Ralf: Die Videothek ist sein Lebenswerk, seine Erfindung. Er freut sich über den Erneuerungsprozess, auch wenn ihm manche Veränderungen weh tun.

Ihr bietet mit 19 Dankeschöns im Wert von 5- 1.500 Euro eine sehr große Vielfalt an. Wie habt ihr eure Dankeschöns geplant, wer hatte die Ideen?
Ralf: Wir hatten uns gemeinsam in unserer Randfilm-Runde überlegt, was wir anbieten können. Ekki Baum ist so eng mit der Filmbranche verwoben, er hat noch Original-Autogrammkarten von Zachi Noy, dem Star aus „Eis am Stiel“, in der Schublade liegen oder er hat diese tollen Videohüllen, bedruckt mit der Urkunde des Guinness-Buch der Rekorde. Dann gibt es für unsere Unterstützer und Unterstützerinnen die Möglichkeit, ein Regal mit Lieblingsfilmen anzulegen oder am Randfilmfest teilzunehmen mit Übernachtung im Renthof, Stretchlimousine und Starfrühstück.
Eins meiner Lieblings-Dankeschöns ist auch das Foto gemeinsam mit Ekki in der Film-Shop-Promi-Fotowand, neben Pierre Brice und Harald Schmidt.

Ralf: Gibt’s ein Dankeschön, das du dir wünschen würdest?
Gabriele: Ich mag die Events, an denen ich teilnehmen kann. Das Lieblingsfilm-Screening mit Sektempfang finde ich super und eure August-Events, da wäre ich gerne dabei!

Wie erfahre ich, welche Events ihr im August geplant habt?
Ben: Am Freitag, 18. August, liest Andrea Gunkler aus ihrem Buch „Echt Clever – Erfindungen aus Hessen“, dazu gibt es ein musikalisches Rahmenprogramm. Am Samstag, 19. August, haben wir Mia Morgan, eine Kasseler Feminist Rights Aktivistin, zu Gast, die aus ihrem bislang noch nicht veröffentlichten Roman vorliest und Pfeffer& Likör, zwei 20er Jahre Chansonsängerinnen, die uns als Retterinnen unterstützen.

Bisher haben alle Künstler und Künstlerinnen, die wir angesprochen haben, zugesagt und treten kostenlos auf, um den Film-Shop zu retten. Diese Events beleben den Raum und zeigen über das eigene Erleben, was es zu retten gilt!
Das Programm wird immer voller. Geplant ist auch noch eine Weinprobe und dann hat Ekki für uns seinen geheimen Super 8-Keller geöffnet, also da kommt noch einiges.

Infos zu den Events findest du auf unserer Website Randfilm.de oder bei facebook. Es gibt auch eine Mailingliste bei Ekki, über die man den Newsletter bekommt.

Euer Fundingziel ist mit 29.000 Euro sehr hoch und ihr braucht noch viel Unterstützung. Was habt ihr noch geplant?
Ralf: Wir sind auf Unterstützer angewiesen, die wissen, dass diese Videothek, wenn sie weg ist, nicht wiederkommen wird! Jetzt mag es banal erscheinen, aber in 10-15 Jahren werden wir erkennen, wie besonders diese Videothek ist und wie gut es ist, dass wir diese älteste Videothek der Welt erhalten haben!

Wenn die Kinos bedroht sind, fließt unglaublich viel Geld hinein. Wieso wird eine Videothek als Einzelhandel gewertet und nicht als Kulturgut? Ich verstehe das nicht. Ich wundere mich, dass es vielen, die mit Videotheken aufgewachsen sind, gar nicht leid tut, wenn diese Orte verschwinden. Mit Videotheken ist ein Wert verbunden, ein einmaliges Erlebnis. Und es ist gut, wenn wir auch später noch sehen können, wie eine Videothek aussah und wie sie funktionierte. Mir sind der Geruch der Videotheken und die Gespäche am Tresen tief eingebrannt. Ich erinnere mich nicht an jeden Film, aber ich erinnere mich an das Drumrum, die Diskussionen darüber, wer den Film aussuchte, solche Sachen.

DVD- Ausleihen ist bewusstes Schauen, es hat eine besondere Wertigkeit, durch die Regale zu streifen, die Filmbeschreibungen zu lesen und einen Film in der Videothek auszuwählen und auszuleihen.

Wir planen noch eine virale Kampagne, um diese persönlichen Erlebnisse sichtbar zu machen. Jeder kann beschreiben, was ihn mit „der ältesten Videothek der Welt“ verbindet. Diese Geschichten können als Clip oder als Satz geschickt werden.

Welchen zeitlichen Vorlauf hattet ihr für die Planung eurer Kampagne auf unikat-crowdfunding.de?
Die Kampagne haben wir innerhalb von zwei Wochen geplant, also Clip erstellt, Beschreibung gemacht etc.
Ich habe 4-5 Wochen vor dem Kampagnen-Start von Ekki erfahren, dass die Videothek geschlossen werden soll. Der Termin für den Ausverkauf am 1. September stand und auch der Mietvertrag endet am 31. Oktober. Es war also klar, dass wir die Kampagne im August machen mussten.

Das ist eure zweite Kampagne. Ihr habt ja bereits letztes Jahr eine Kampagne „Randfilmfest 2016 – Filmfestival in Kassel“ erfolgreich durchgeführt, bei der ihr 8.500 Euro von der Crowd bekommen habt. Was für Erfahrungen habt ihr dabei gemacht?
Ben: Die erste Kampagne war für uns schwierig, weil das Projekt schwieriger zu definieren war. Bei unserer Kampagne „Rettet die älteste Videothek der Welt“ ist sehr klar, um was es geht und was wir erreichen wollen.

Wir haben einen guten Kontakt zur regionalen Presse, durch die wir viele Kontakte knüpfen konnten. Dadurch haben sich schon Unterstützungsangebote für das nächstes Jahr ergeben. Für uns ist es sehr motivierend zu wissen, dass wir unterstützt werden, wenn wir diese Schwelle schaffen.

Wie lange läuft die Kampagne noch?
Unserer Kampagne läuft bis zum 14. September 2017. (Anm.: Die Crowdfunding-Kampagne ist abgelaufen. Die Fundingsumme wurde leider nicht erreicht, sodass das gespendete Geld zurückgezahlt bzw. nicht abgebucht wurde. Wie es mit der Ältesten Videothek weitergeht, ist noch nicht klar, fest steht aber, dass der Laden ohne Ausverkauf bis Ende Oktober geöffnet bleibt.)

Wichtig für euch ist natürlich, dass ihr die Fundingsumme erreicht. Aber wie kann man euch sonst noch unterstützen?
Ralf: Wir freuen uns über Menschen, die unsere Veranstaltungen besuchen, unsere Kampagne zur „Rettung der ältesten Videothek der Welt“ weitererzählen und in Sozialen Netzwerken teilen. Wir freuen uns auch über neue Mitglieder und über Menschen, die uns unterstützen und Zettel und Flyer verteilen.

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1 thought on “Crowdfunding-Kampagne zur „Rettung der ältesten Videothek der Welt“”

  1. Coole Sache. Ich glaube, ich war noch nie in einer Videothek – aber auf diese älteste Videothek hätte ich Lust! Viel Erfolg!

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