Prof. Kathrin Rosing: Wieso gehören Scheitern und Fehler machen zum Leben dazu?

Foto: Lena Lux

Auf der FAIL NIGHT im November im Science Park berichten Unternehmerinnen und Unternehmer von unternehmerischem Scheitern. Wieso ist es wichtig über Misserfolge zu sprechen?
Scheitern und Fehler machen gehören zum Leben einfach dazu. Die meisten von uns reden aber nicht gerne darüber. Gerade von Unternehmern hört man fast ausschließlich von Erfolgen. Dadurch entsteht das Gefühl, dass andere wenig oder sogar keine Fehler machen und immer erfolgreich sind. Dieses verzerrte Bild von Fehlern erhöht nur den Druck auf Unternehmer, Fehler um jeden Preis zu vermeiden und beschert Fehlern ein schlechteres Image als notwendig. Eine allzu negative Sicht auf Fehler verhindert aber die Möglichkeit konstruktiv mit Fehlern umzugehen. Dazu kommt, dass Fehler gerade für Unternehmer auch positive Konsequenzen mit sich bringen können. Der Ausspruch „Aus Fehlern lernt man“ klingt so trivial, ist aber gar nicht so selbstverständlich. Wenn Kinder spielen oder Laufen lernen, ist uns völlig klar, dass sie Fehler am laufenden Band machen. Bei uns selbst sind wir aber meist nicht so großzügig. Gerade deswegen finde ich die Fail Night eine so tolle Idee: Sie rückt das Image von Fehlern wieder in ein besseres (und realistisches!) Licht.

Warum haben Fehler ein so schlechtes Image?
Fehler machen, Scheitern, ist erstmal eine negative Erfahrung, denn Fehler führen oft zu negativen Konsequenzen, manchmal sogar zu drastischen. Fehler von Ärzten oder Flugzeugpiloten können zum Verlust von Menschenleben führen. Fehler von Managern und Führungskräften können zum Verlust von Arbeitsplätzen führen oder zu finanziellen oder Reputationsschäden. Aber auch ohne direkte und solch drastische Konsequenzen stellen Fehler erst einmal ein negatives Feedback dar: Eine Handlung hat nicht zum gewünschten Ergebnis geführt. Kein Wunder also, dass wir Fehler nicht sonderlich mögen.

Sollten wir dann nicht versuchen, Fehler einfach zu vermeiden?
Dummerweise ist es nicht möglich keine Fehler zu machen. Vereinfachend gesagt ist unser Hirn nicht dazu gemacht fehlerfrei zu arbeiten. Unsere Verarbeitungskapazität ist stark begrenzt, was bedeutet, dass es nicht möglich ist, alle Informationen, die in jedem Moment auf uns einprasseln, tatsächlich zu verarbeiten. Stattdessen muss ausgewählt, vereinfacht und mit Heuristiken gearbeitet werden. In den meisten Fällen funktioniert das auch sehr gut, aber eben nicht immer – und dann entstehen Fehler.

Sicherlich macht es Sinn zu versuchen, Fehler zu verhindern. Es wäre keinem geholfen, wenn es in diesem Beitrag vor Rechtschreibfehlern wimmeln würde oder ein Gründer in seinem Businessplan eine Vielzahl von Fehlern einbauen würde. Der Punkt ist allerdings, dass es nie vollständig gelingen wird, keine Fehler zu machen – egal wie sehr wir es versuchen. Deshalb ist es wichtig, einen positiven und konstruktiven Umgang mit Fehlern zu lernen.

Wie sieht denn ein positiver Umgang mit Fehlern aus?
Der Ansatz des Fehlermanagements geht davon aus, dass es wichtig ist, den eigentlichen Fehler von seinen Konsequenzen zu trennen. Der Fehler des Arztes ist also nicht identisch mit der Folge, dass der Patient verstirbt, sondern kann nur dazu führen, dass der Patient verstirbt. Die grundlegende Idee des Fehlermanagements besteht darin, nicht den Fehler an sich zu vermeiden, sondern die daraus potentiell entstehenden negativen Konsequenzen. Diese Trennung führt zur Annahme, dass der Fehler an sich nicht negativ ist, sondern nur zu negativen Konsequenzen führen könnte – aber auch zu positiven Konsequenzen.

Diese Trennung zwischen dem Fehler und seinen Konsequenzen ist der erste wichtige Schritt. Darüber hinaus gehört zu einem positiven Umgang mit Fehlern, sich mit dem Fehler auseinander zu setzen, darüber zu sprechen – also genau das, was bei der Fail Night passiert. Wenn Fehler nicht mehr als „böse“ wahrgenommen werden, ist es viel einfacher sich damit zu beschäftigen, zu überlegen, welche Ursachen der Fehler haben könnte oder sich Unterstützung zu holen, um mit dem Fehler umzugehen. Dadurch ist es viel wahrscheinlicher, dass negative Fehlerfolgen vermieden werden als wenn man versucht einen Fehler zu ignorieren oder unter den Teppich zu kehren.

Was geben Sie Unternehmern und Unternehmerinnen für schwierige Situationen mit auf den Weg?
Auch wenn es oft nicht so scheint, Fehler machen und Scheitern gehört zum Unternehmersein einfach dazu. Aus diesem Grund ist es wichtig, Fehler nicht „persönlich“ zu nehmen, also sich selbst für inkompetent oder unfähig zu halten oder die „Schuld“ für den Fehler bei anderen zu suchen. Stattdessen ist es entscheidend, sich Unterstützung zu suchen und sich möglichst neutral mit den Ursachen für den Fehler auseinander zu setzen. Nur so kann man den Fehler positiv für sich nutzen und daraus lernen, auch wenn es im erstem Moment überhaupt nicht danach aussieht, als wenn irgendetwas Positives daraus entstehen könnte.

Kathrin Rosing ist Juniorprofessorin für Psychologie unternehmerischen Handelns am Kasseler Fachbereich Humanwissenschaften. Sie ist Gründungsmitglied im Forschungs- und Lehrzentrum für Unternehmerisches Denken und Handeln.

Hier geht es zu Beiträgen der Speaker der letzten FAIL NIGHT 2016:
„FAIL – aus Fehlern lernen: Interview mit Alexandra Holz“
„FAIL – aus Fehlern lernen: Interview mit Ridvan Kücük“

Hier geht es zu dem Beitrag „Prof. Heidi Möller: „Gründungsdrang und Innovationszwang“ – Wie kann Gründungscoaching noch effektiver werden?“

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