„Wir sind das Versuchskaninchen aus der Praxis“: Viessmann-Innovationsmanager Fabian Stern über die Zusammenarbeit mit Startups im „Innovation Boiler“

Am 8. Mai stellt Fabian Stern, Head of Digital Innovation Management bei Viessmann im Science Park Kassel die Zusammenarbeit des Unternehmens mit Startups vor. Im Interview beschreibt er vier Bausteine des Digitale Wandels im Unternehmen: Innovation Boiler, WATTx, VitoOne und Vito Ventures.

 

Viessmann, Familienunternehmen aus Allendorf mit 12.100 Mitarbeitern, ist im 101. Jahr seines Bestehens als Anbieter von Heiz-, Kühl- und Industriesystemen bekannt. Was waren die ersten Schritte, um das Thema Digitalisierung im Unternehmen umzusetzen?
Als Viessmann die Digitale Transformation in 2015 startete, wurde die Position eines CDO (Chief Digital Officer) etabliert, weil wir sehr früh beschlossen haben, das Thema von ganz oben zu integrieren. Außerdem war klar, dass die Transformation auch von außen begleitet werden muss, denn wir hatten innerhalb des Unternehmens weder die Netzwerke noch das Know How für einen Digitalen Wandel.

2015 war die Gründung der Venture Capital Gesellschaft „Vito Ventures“ in München. Was sind die Schwerpunkte und in welchen Phasen wird investiert?
„Vito Ventures“ investiert seit 2015 vor allem in Deep Tech-Startups in der Seed-Phase oder Serial A.
„VitoOne“ wurde anderthalb Jahre später gegründet und investiert in der Frühphase, also Pre-Seed bis frühe Seed-Phase. Der Fokus liegt thematisch auf PropTech und EnergyTech.
Beide VCs sind keine klassischen Corporate VCs. Sie haben keinen strategischen Bezug zu unserem Kerngeschäft, sondern sind Teil unserer Diversifikationsstrategie. Gleichzeitig sind sie für uns eine Möglichkeit, um uns im Startup-Ökosystem zu vernetzen.

In Berlin hat Viessmann 2015 zeitgleich mit Vito Ventures „WATTx“ gegründet, einen Company Builder, in dem ein Team eigene Ideen entwickelt, die dann in Startups ausgegründet werden. Wer ist das Team, das an Ideen arbeitet, und welche Strategie verfolgt Viessmann mit dem Company Builder?
WATTx hat 25 Mitarbeiter mit extrem heterogenen Profilen: Es gibt user experience researcher, industrial engineers, aber auch Volkswirte und BWLer. Die Mitarbeiter von WATTx wurden 2015 alle neu eingestellt. Sie waren vorher nicht Teil der Viessmann-Familie und bilden jetzt das Team von WATTx.

Das Team entwickelt Ideen, die losgelöst von unserem Kerngeschäft sind: Welche Probleme gibt es in der Welt, welche Lücken, welche Lösung gibt es? Die Ideen werden getestet, und wenn die Idee besteht und das Projekt einen guten Business Case hat, wird ein Venture mit einem Teil der Mitarbeiter ausgegründet, d.h., die Mitarbeiter verlassen WATTx. Dann wird das Team extern ergänzt.

Die neuste WATTx-Ausgründung ist Loopstocks, die sich mit Territory Tracking von Betten und Rollstühlen in Krankenhäusern beschäftigen. Weitere Ausgründungen sind: „Snuk“, eine Plattform für Gewerbliche Gebäude und „Statice“, ein automatisches Anonymisierungstool für personenbezogene Daten.

Die Startups bekommen eine Anschubfinanzierung und halten die Mehrheit der Anteile. Für weitere Finanzierungsrunden akquirieren sie eigenständig Kapital. Für Viessmann geht es, wie bei Vito Ventures und VitoOne um ein rein finanzielles Interesse.

Sie bieten mit dem „Innovation Boiler“ die Möglichkeit einer Kooperation für Startups mit Viessmann, die unabhängig von einer Beteiligung ist. Was ist das Besondere am Innovation Boiler?
Wir wollen eine Kooperation auf Augenhöhe mit dem Startup unabhängig von Anteilen. Wir sehen uns als das „Versuchskaninchen aus der Praxis“, dass das Startup bei der Skalierung unterstützt. Häufig haben Teams schöne technologische Lösungen, aber keinen Zugang zur Praxis . Wir können im Prozess unterstützen, Feedback geben und Pilotkunde sein. Im Gegenzug profitieren wir von dem schnellen Zugang zu einer neuen Technologie. So haben beide Seiten einen guten Mehrwert.

Uns ist wichtig, dass wir sehr individuell mit dem Team kooperieren: Ein junger Gründer von Ideafox.io, der eine Innovationssoftware für uns entwickelte, hat 6 Monate bei uns in Allendorf gearbeitet, um in engem Kontakt zu unseren Mitarbeitern die Software zu entwickeln. Wir waren Pilotkunde und heute ist die Software auch bei Daimler und Voith im Einsatz. Andere erfahrenere Teams wie Soley oder Cobrainer dagegen waren gar nicht vor Ort.

Wo sehen Sie aktuelle Herausforderungen für Viessmann?
Wir sind sehr breit aufgestellt und haben als „Purpose“ für unser Handeln „Wir gestalten Lebensräume für zukünftige Generationen“ definiert. Der Heizungskeller, in dem unser Kessel steht, ist nicht mehr der wichtigste Fokusbereich. Wir denken in Lösungen und Systemen und weniger in Produkten. Wir beziehen uns auf den gesamten Lebensbereich. Da wir uns so breit aufstellen, verfolgen wir eine breite Innovationsstrategie, die sowohl Energy Tech, Property Tech und Deep Tech Themen abdeckt. Die Herausforderung ist natürlich, am Ende alle Themen zusammenzuführen. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg, aber natürlich sind wir erst seit 2 1/2 Jahren dabei und müssen immer wieder anpassen und iterieren.

Was bedeutet der Digitale Wandel konkret für Ihren Arbeitsplatz? Und haben Sie eigentlich noch einen eigenen Schreibtisch?
Bezogen auf administrative Themen nutzen wir im ganzen Unternehmen GSuite, also IT Lösungen von Google für den Office Bereich, um Dokumente gemeinsam zu bearbeiten und setzen digitale Tools und agile Zusammenarbeit im Alltag ein. Einen eigenen Schreibtisch habe ich nicht. Wir haben in unserem Headquarter in Allendorf im Zuge unserer Transformation Mitte 2016 einen Digital Coworking Space etabliert. Das ist ein großer Raum mit großen Tischen und Stühlen. Ich sitze dort, wo es gerade passt. Neben mir sind die Kollegen von Data Insights, Business Development und IT-Kollegen, sodass wir einen sehr engen, kollaborativen Austausch haben, auch wenn wir nicht an gemeinsamen Projekten arbeiten.

Aufgezeichnet von Gabriele Hennemuth

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