Von der Kunst zur Kneipe zum Kafe

Christof Lutz ist Absolvent der Kunsthochschule Kassel. Seine Ideen für Kunst und visuelle Kommunikation setzt er heute in Gastronomie- und Musikprojekten um.

Text: Sonja Fischer
Foto: privat

Ein abgewetzter Tresen mit Thekenschrank aus den Fünfzigerjahren, Altkanzler Helmut Schmidt im Portrait und ein Skelett an der Wand: „Trash bis Punk“, so beschreibt Christof Lutz (37) den Stil seiner Kneipe „Weinberg-Krug“ an der Frankfurter Straße, die er seit fünf Jahren gemeinsam mit dem befreundeten Musiker Craig Bjerring betreibt. Den Sommer haben die beiden zum Renovieren genutzt: die Wände in Taubenblau gestrichen und die alte Holztheke frisch geölt.

Lutz hat bis 2008 Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel studiert und danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter die Basisklasse unterrichtet. In dieser Zeit veranstaltete er mit Bjerring Konzerte und Partys, für die sie nur Mundproganda gemacht haben. Schnell wurde der Andrang so groß, dass sie sich etwas anderes überlegen mussten. „Wir wollten gern in der Südstadt weitermachen, denn hier gab es bis dahin fast kein Angebot für Studenten und Künstler“, erzählt Lutz.

Im Jahr 2011 haben die beiden den damals geschlossenen Weinberg-Krug entdeckt, eine der ältesten Kneipen in Kassel. „Die Pils-und-Korn-Ästhetik fanden wir richtig gut, das wollten wir genau so lassen und auch den Namen und das alte Kneipenschild behalten. Eigentlich mussten wir nur eine bessere Anlage und gutes Licht installieren und alles mit ein bisschen Ironie dekorieren.“ Die „neue“ Kneipe kam insbesondere bei den Kunststudierenden und Künstlern sofort richtig gut an. Inzwischen ist das Publikum etwas gemischter, auch Leute aus der Nachbarschaft und Studierende anderer Studiengänge kommen gern vorbei.

Im Weinberg-Krug sei jeder Abend anders, sagt Lutz. „Das ist eigentlich kein Tanzladen, aber manchmal feiern und tanzen die Leute richtig ab. An anderen Tagen sitzen alle an der Bar und würfeln.“ Vom Queer-Abend über House-Partys bis zu Geburtstagsfeiern variieren die Veranstaltungen. Eine richtige Institution sind die Retro-Games zweimal im Monat, wo auf alten Konsolen Videospiele gespielt werden. Aber wo bleibt eigentlich die Kunst bei so viel Veranstaltungs- und Thekenplanung? „Für mich ist das kein Widerspruch“, sagt Lutz. „Visuelle Kommunikation heißt ja Atmosphäre machen. Ich habe hier einen Gestaltungsraum, in dem ich meine Ideen frei umsetzen kann, wenn ich zum Beispiel unsere Veranstaltungen bewerben möchte.“

Für intensive Kunstprojekte ließ die Kneipe aber keine Zeit mehr. Im ersten Jahr standen Lutz und Bjerring sogar noch jeden Abend selbst hinter dem Tresen. „Ich bin ganz froh, dass das jetzt vorbei ist und wir immer Leute finden, die gern bei uns arbeiten“, sagt Lutz. Die freie Zeit haben die beiden gleich ins nächste Gastro-Projekt investiert: Im Winter 2014 eröffneten sie das Kafé am Weinberg – direkt neben dem Weinberg-Krug und der Galerie „Warte für Kunst“. Das Kafé ist ein richtiges Kontrastprogramm zum wilden Weinberg-Krug. Hier treffen junge Familien, Rentnerinnen und Rentner und Studierende in entspannter Umgebung aufeinander, um selbstgebackenen Kuchen zu bestellen. „Passt gerade viel besser zu meiner eigenen Lebenssituation“, sagt Lutz, „ich habe ja inzwischen auch zwei kleine Kinder.“ Obwohl die Konzepte verschieden sind, vermischt sich das Publikum beider Läden bei gemeinsamen Veranstaltungen sehr gut. Künftig bleibt das Kafé bis in den späten Abend geöffnet und die Gäste können je nach Lust zwischen den Angeboten wechseln.

Der Artikel ist bereits in der Publik 3/16 erschienen.

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