“Woran erkenne ich, ob eine unternehmerische Idee gut ist?”

Patrick Steller ist Partner der Dark Horse GmbH, einer Innovationsagentur in Berlin, die neben Innovationsberatung, Trainings und Weiterbildungen, auch das Design und die Entwicklung von innovativen Produkten, Services und Arbeitsumgebungen anbietet.


Herr Steller, was raten Sie Studierenden und Wissenschaftler*innen, die eine unternehmerische Idee verwirklichen möchten? Woran erkenne ich, ob eine Idee gut ist?
An guten Ideen mangelt es nicht, nur an der Umsetzung. So banal ist es ja wirklich.
Für uns ist eine Idee immer dann gut, wenn sie eine sinnvolle Lösung für ein Nutzer*innenproblem liefert. Wir raten deshalb immer das eigene Zimmer zu verlassen, raus zu gehen und Ideen so schnell wie möglich zu testen. Damit man sich nicht in eine Idee verliebt, sondern vieles über die richtige Umsetzung lernt. Im Extremfall heißt das dann auch, diese Idee fallen zu lassen und die nächste auszuprobieren.

Die Challenge sollte immer lauten: Wie kann ich innerhalb eines Tages meine Idee so testbar machen, dass mein Nutzer*innenkreis ein Gefühl für mein Vorhaben bekommt und mir ehrliches Feedback geben kann? “Ein Gefühl bekommen” bedeutet: Die Idee anfassbar machen. Ehrliches Feedback erhalten wir immer dann, wenn unsere Testpersonen merken, dass die Idee noch nicht auf Hochglanz poliert ist (denn dann möchte man als höflicher Mensch ja selten sagen: Gott, was für eine Scheißidee).

Dark Horse wurde von einem fast kompletten Jahrgang der HPI School of Design Thinking gegründet. Wie kam es dazu?
Offiziell gibt’s Dark Horse seit 2009, aber die Anfänge reichen schon ein Jahr früher zurück. Die damaligen Gründer*innen haben alle gemeinsam den zweiten Jahrgang der HPI School of Design Thinking an der Uni Potsdam besucht. Und als der einjährige Design Thinking Kurs beendet war, wollte ein Großteil des Kurses (30 Leute) zusammenbleiben. Und die 30 dachten sich: Gründen wir doch einfach eine Firma, um Design Thinking in die deutsche Unternehmenswelt zu tragen. Damals war der Ansatz ja noch nicht so mainstreamig wie heute. Und das haben die 30 dann gemacht.

Ich selbst gehöre zu den ersten “Neuankömmlingen” von außen, allerdings habe ich auch wie die Gründer*innen in Potsdam Design Thinking studiert, allerdings vier Jahre später. Heute sind wir insgesamt 29 Personen bei Dark Horse, knapp über die Hälfte ist noch aus dem alten Gründer*innen-Team dabei. Aber wir arbeiten alle auf Augenhöhe. Wir haben keine offiziellen Jobtitel, deshalb sagen wir nach außen immer: Wir sind alle Chef*in.

Was ist das Besondere an Dark Horse?
Sicherlich die Unternehmensgeschichte: 30 Leute gründen zusammen eine Firma, die von Anfang an klar auf die Bedürfnisse der Arbeitenden ausgerichtet ist. Wir haben quasi das nutzerzentrierte Design des Design Thinking Ansatzes auf uns selbst angewandt. Wir arbeiten selbstorganisiert. Es gibt eine Vertrauensarbeitszeit, aber keine offiziellen Hierarchien. Letztere finden ihren Ersatz durch unsere Kreisstrukturen. Jede*r von uns ordnet sich einem bestimmten Gebiet hinzu (z.B. klassische Agenturarbeit, Ausbildung, Organisationsberatung oder Workspaces). Die Kreise arbeiten in Kundenprojekte, bauen Expertise auf und entwickeln in seltenen ruhigen Phasen ihre Themen in den Kreisen weiter.

Strategische Entscheidungen werden (verkürzt ausgedrückt) gemeinschaftlich nach dem Konsensverfahren getroffen. Unser Controlling übernehmen die wirtschaftlichen Kennzahlen, denn auch wir müssen natürlich darauf achten, dass wir mehr durch Kundenarbeit einnehmen, als wir für unsere Verwaltung ausgeben, denn Dark Horse gehört nur den Gründer*innen.

Wir haben das Recht und die Pflicht jährlich neu miteinander zu verhandeln, was sich für uns alle im Unternehmen als “fair” anfühlt. Deshalb wird z.B. jedes Jahr gemeinschaftlich über das Gehalt verhandelt. Oder darüber wie wir die Elternzeiten oder eventuelle Sabbaticals Einzelner auffangen können. Wir sind alle im selben Alter ungefähr. Und auch bei uns hat vor ein paar Jahren der Baby Boom eingesetzt. Wir versuchen alles möglich zu machen, damit wir jeden Montag denken “thank god it’s monday” (der Titel unseres ersten Buches) und gerne zur Arbeit kommen.

Haben Sie Beispiele für Produktentwicklungen und Projekte, die Sie besonders geprägt haben?
Selbst bin ich seltener Teil von Produkt- oder Service-Projekten (das machen die Kolleg*innen aus dem Agentur-Kreis), und konzentriere mich vor allem auf Ausbildung und Befähigung von Abteilungen oder gemischten Teams unserer Kunden. Was mich allerdings geprägt hat, war die Co-Autorenschaft unseres “Digital Innovation Playbooks”. Es war eine Herausforderung die heterogenen Sichtweisen auf Design Thinking in der Wirtschaft bei Dark Horse für ein Buch zusammen zu fassen und dann auch noch ein neues Framework zu entwickeln. Dass das Buch so ein durchschlagender Erfolg wurde, hat uns alle überrascht.

Was sind Ihrer Meinung nach die Mehrwerte, die ein StartUp Center wie der Science Park Kassel für Gründerinnen und Gründer leisten sollte?
Der wichtigste Mehrwert ist, Vernetzung zu ermöglichen – untereinander und mit Experten. StartUp Center sollten Möglichmacher sein. Sie sollten Experimentierfelder eröffnen, Räume bereitstellen und Hürden beseitigen, damit sich die Gründer*innen auf das Wesentliche konzentrieren können: Ihre Ideen so umsetzen, dass sie für Nutzer*innen einen Mehrwert bieten.

Die Fragen stellte Jaana Kistner.

 

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