Prof. Philipp Oswalt: Auswirkungen der Digitalisierung aus Architekten-Sicht

Prof. Philipp Oswalt, Foto: Nicolas Wefers

Philipp Oswalt ist seit 2006 Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel. Im Interview zeigt er auf, wie die Digitalisierung den Raumbedarf und die Raumnutzung verändern werden.

Herr Professor Oswalt, in den vergangenen Monaten hat die Corona Pandemie zu einem Boom der Digitalisierung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse gesorgt, z.B. haben viele Startups aus dem Science Park auf Homeoffice umgestellt und dies sehr erfolgreich. Dieser Boom wird wahrscheinlich auch unabhängig der aktuellen Corona-bedingten Vorgaben anhalten. Was bedeuten aus architektonischer Sicht diese Veränderungen der Arbeit in Richtung Homeoffice und Dezentralisierung für Innovationszentren wie den Science Park, der ja baulich im Grunde genommen ein Bürogebäude darstellt?
Dieser Schub in der Digitalisierung von Arbeitskulturen wird sicherlich die nachhaltigste Auswirkung der gegenwärtigen Pandemie sein und hat vielfältige Konsequenzen. Wenn die Menschen mehr und mehr außerhalb des Büros arbeiten (ob zu Hause oder anderswo), werden wir weniger Büroraum benötigen und auch anderen. Die Zeit im Büro wird dann mehr der Kommunikation und dem Austausch dienen, es werden dann vielfältige kommunikative Bürolandschaften benötigt, nicht mehr eine Anhäufung von Einzelarbeitsplätzen oder gar Einzelbüros. Umgekehrt wird sich die Wohnung verändern, die damit mehr und mehr zum Arbeitsort wird und somit eine stärker mischgenutzter Ort sein wird. Auch die Lernwelten werden sich ändern, weil hier auch vieles online möglichst, was vor wenigen Wochen jenseits der Vorstellung lag. Die Zahl der Geschäftsreisen könnte sich reduzieren, was im Sinne des Klimawandels ohnehin zu begrüßen wäre. Die dafür benutzten Räumlichkeiten werden damit eine Reduzierung der Nachfrage erfahren.

Wie müsste ein Innovationszentrum vor diesem Hintergrund architektonisch gestaltet werden?
Hier gilt, was auch für Büros im allgemeinen gilt, wobei das Innovationszentrum hier sicherlich schon besser aufgestellt ist als das Durchschnittsbüro: Verstärkung der kommunikativen Situationen. Schaffung unterschiedlicher Bereiche.

Wenn Besprechungen, Konferenzen, Workshops zukünftig deutlich mehr digital stattfinden – machen dann Veranstaltungs- oder Besprechungsräume oder z.B. das Räumlichkeiten für kreative Workshops, wie z.B. das IdeaLab des Science Park überhaupt noch Sinn?
Ja, auch wenn wir wenig Face-to-Face treffen benötigen als bisher: Die digitale Kommunikation kann keineswegs alles ersetzen. Sie ist sehr zielgerichtet und fokussiert. Doch gerade für kreative Prozesse, wie z.B. Workshops, kann dies auch hinderlich sein. Es gibt Formen der non-verbalen Kommunikation und des beiläufigen Austauschs, die online kaum möglich sind. Deswegen sind reale Treffen immer noch wichtig. Auch persönliche und emotionale Beziehungen entstehen sicherlich eher bei einem realen Zusammenkommen.

Wie verändert sich die Arbeitswelt in Ihrem Metier – also in der Architektur?
Ich denke nicht, dass die Arbeit im Architekturbüro etc. ein Sonderfall darstellt, sondern von all diesen Prozessen betroffen ist. Natürlich gibt es gleichwohl Branchenspezifika. Ein Beispiel: Beim Unterrichten des Architekturentwurfs spielen physische Modelle eine wichtige Rolle. In Zeiten der Online-Kommunikation haben wir jetzt die Studierenden gebeten, Ihre Modelle in Filmen aufzunehmen. Dieser Medienwechsel stellt neue Anforderungen und gibt neue Möglichkeiten.

Sehen Sie Potenziale für neue (Startup-) Ideen vor dem Hintergrund der genannten neuen Herausforderungen?
Im Prinzip ja. Aber all die geschilderten Prozesse sind ja nicht neu, sondern verstärken Tendenzen, die wir schon in den letzten Jahren beobachten konnten. Daher gibt es hierfür auch bereits eine große Bandbreite an Produkten und Dienstleistungen. Diese haben jetzt neue Absatzchancen. Mit der Verbreiterung und Vertiefung der Prozesse entstehen aber auch neue Anforderungen, Ideen und Möglichkeiten.

Die Fragen stellte Jaana Kistner.

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