Birgit Heilig: Geld für Gutes – wie gehe ich vor?

Birgit Heilig ist seit fünf Jahren im Bereich Social Entrepreneurship aktiv. 2017 war sie Mitgründerin von SEND und ist dort seit drei Jahren ehrenamtlich im Vorstand. 2018/19 hat Birgit als Co-Standortleiterin das Social Impact Lab Frankfurt geleitet. Seit Mai 2020 ist sie auch hauptamtlich bei SEND tätig und leitet das vom Hessischen Wirtschaftsministerium geförderte Förderprogramm „Sozialinnovator Hessen“, mit dem Gründer*innen beim Aufbau ihres Social Startups unterstützt werden. Im Interview beschreibt Birgit Heilig Herausforderungen von Social Entrepreneurs und stellt wichtige Anlaufstellen für die Finanzierung vor.

Birgit, wie würdest du den typischen Entwicklungsverlauf eines Sozialunternehmens beschreiben?
Die formellen Gründungsphasen unterscheiden sich nicht von anderen Startups auch. Allerdings unterscheidet sich die Motivation: am Anfang steht oft nicht die Gewinnorientierung, sondern der Antrieb, ein gesellschaftliches Problem, sei es sozialer oder ökologischer Natur, zu lösen. Die Frage, wie man dieses Problem effektiv lösen kann, geht der Frage, wo das Geld herkommt, oft voraus. Und auch in späteren Stadien ist das ständige Wechselspiel zwischen der zu erreichenden gesellschaftlichen Wirkung und dem Geschäftsmodell ein wichtiger Faktor, der sich auf Fragen der Finanzierung und Skalierung immer wieder auswirkt.
Social Entrepreneurs arbeiten in allen möglichen Bereichen – von Unverpacktläden bis hin zu neuen Konzepten in der Altenpflege. Einen „typischen“ Verlauf kann man bei diesen unterschiedlichen Branchen und Inhalten kaum bestimmen.

Was unterscheidet die Finanzierung von Sozialunternehmen von der anderer Gründungsteams?
Social Startups sind häufig komplexer aufgestellt. Die Gruppe der Begünstigten, also der Personen, für die eine gesellschaftliche Wirkung erreicht werden soll, verfügt häufig über wenig bis keine Kaufkraft und ist oft nicht deckungsgleich mit der zahlenden Kundschaft. Social Entrepreneurs müssen also zwei Anspruchsgruppen bedienen. In vielen sozialen Feldern ist es sehr schwierig, direkt Geld für die angebotene Dienstleistung einzunehmen. Hier tritt Querfinanzierung auf den Plan: Stiftungen, Spenden, Sponsoring, öffentliche Fördergelder sind dann mögliche Einnahmequellen.

Bei der Aufnahme von Investitionen haben Social Entrepreneurs häufig das Problem, dass ihre Gewinnmargen viel langsamer und geringer wachsen als bei einer klassischen Gründung – einfach, weil Gewinnorientierung per definitionem nicht das Ziel der Unternehmung ist.
Viele Banken haben Schwierigkeiten, soziale Geschäftsmodelle zu verstehen oder können aufgrund ihrer Vorgaben keine Kredite für diese vergeben. Auch der klassische Weg von Kredit zu Business Angel und Venture Capital ist bei Social Startups sehr selten der Fall. Für Impact Investoren, die bereit sind, in wirkungsorientierte Modelle zu investieren, sind Social Startups erst ab einer gewissen Größe interessant. Zwischen diesen größeren Investoren und der Anzahl investitionsreifer Social Startups klafft in Deutschland noch eine ziemlich große Lücke. Einige erfolgreiche Beispiele, die es bis zu VC geschafft haben, sind z.B. awamo aus Frankfurt, Discovering Hands oder das DialogMuseum.

Welches sind aus deiner Erfahrung die häufigsten Herausforderungen beim Start eines Sozialunternehmens?
Zum einen der Aufbau einer guten, stabilen Verknüpfung von Wirkungs- und Geschäftsmodell, inkl. der Frage der Finanzierung – viele Social Startups arbeiten mit hybriden Konzepten, bei denen ein Teil der Einkünfte über den Verkauf des Produkts oder der Dienstleitung reinkommt, aber ein anderer Teil querfinanziert wird. Das führt bisweilen zu Komplikationen bei der Wahl der Rechtsform bis hin zu der Gründung zweier Organisationen – einmal gewerblich, einmal gemeinnützig, was einen erhöhten bürokratischen Aufwand bedeutet.

Beim Einwerben von Geldern ist häufig die Kommunikation eine Herausforderung: Viele Menschen bzw. Institutionen haben kein Verständnis für die enge Verknüpfung von sozialer und gewerblicher Ausrichtung. Zu tief ist die Trennung von Arbeiten für Geld und ehrenamtlichem Engagement in unserer Gesellschaft noch verankert. Interessanterweise müssen sich Social Entrepreneurs eher dafür rechtfertigen, warum sie mit „Gutes tun“ Geld verdienen wollen, während es völlig legitim ist, wenn jemand Geld verdienen will, ohne sich Gedanken über Mensch und Umwelt zu machen. Gemeinnützigkeit und Gewerbe in einem Verbund ist für viele schwer nachzuvollziehen.

Gibt es Finanzierungs- und Förderinstrumente, die für Social Entrepreneurs besonders relevant sind? Was sollten Team beachten? In welcher Phase sollten Teams welches Instrument nutzen?
Auch hier gibt es aufgrund der Heterogenität an Branchen und Modellen, in denen Social Startups tätig sein, keine einheitlichen Empfehlungen. Zur Förderung gibt es Institutionen wie die Social Impact gGmbH, Project Together oder mittlerweile auch Landesförderprogamme in Hessen und Berlin, die mit Beratung, Coaching und Infrastruktur während der Gründungsphase unterstützen. Finanzinstrumente für Social Entrepreneurs gibt es in dieser Breite nicht – einige Wettbewerbe oder EXIST-Stipendien verlagern gerade ihre Schwerpunkte; einige öffentliche Banken wie die Wi-Banken öffnen ihre Formate für teilweise gemeinnützig aufgestellte Organisationen. Wichtig für das Team ist, sich genau zu überlegen, welches Einnahmenmodell langfristig funktionieren kann und eine entsprechende nachhaltige Strategie aufzubauen.

Social Entrepreneurs nutzen gerne Crowdfunding für ihr Fundraising. Dadurch können sie ihr Netzwerk erweitern und Unterstützer*innen gewinnen.  In welcher Phase macht Crowdfunding Sinn und für welche Projekte ist Crowdfunding geeignet?
Crowdfunding kann sehr sinnvoll sein, um eine Community aufzubauen, eine gewisse Bekanntheit zu erreichen und um erste Gelder einzuwerben, die man in die Entwicklung stecken kann. Wichtig für eine erfolgreiche Kampagne ist ein kohärenter Aufbau in Bezug auf das Produkt, die Zielgruppe und die Dankeschöns sowie eine sehr gute Planung. Crowdfunding über verschiedene Kanäle auszurollen muss gut geplant und getaktet werden. Auf keinen Fall sollte man den Aufwand unterschätzen, den so eine Kampagne macht – entsprechend gilt es gut abzuwägen, ob man die Zeit wirklich in das Crowdfunding investiert oder lieber direkt in die Kernaktivitäten.

Stiftungen können wichtige Partner sein. Wie können Teams die richtige Stiftung für sich finden? Gibt es Plattformen o.ä., die bei der Suche helfen? Welche Vorarbeiten sollten die Teams geleistet haben? Wie bauen sie Kontakt zu Stiftungen auf? Hast du Tipps?
Es gibt in Deutschland über 20 000 Stiftungen: über die Seite https://stiftungssuche.de/ kann man eine erste Eingrenzung nach Themen oder Ort vornehmen. Stiftungen arbeiten entweder operativ oder fördernd, d.h. entweder setzen sie eigene Projekte auf oder fördern Dritte. Stiftungen unterliegen aufgrund rechtlicher Vorgaben mehr oder minder engen Rahmenbedingungen – man sollte darauf achten, dass man sich nicht zu sehr dem Ziel einer Stiftung „beugt“. Bevor man sich für eine Förderung bewirbt, rate ich zu intensiven Gesprächen mit der Stiftung, um abzusichern, dass die Ziele der Stiftung auch mit der eigenen Ausrichtung übereinstimmen. Denn der administrative Aufwand ist nicht zu unterschätzen und bisweilen ähnlich hoch wie bei öffentlichen Fördergeldern. Zudem darf man nicht vergessen, dass auch Stiftungen Trends unterliegen und ihre Schwerpunkte immer wieder mal wechseln und vor allem: dass sie meist nur projektbezogen für maximal einige Jahre fördern. Als Anschubfinanzierung kann das sinnvoll sein, aber man sollte sich nicht auf eine Stiftung dauerhaft stützen, sondern frühzeitig alternative Anschlußfinanzierungen aufbauen.

Welche Tipps gibst du Social Entrepreneurs auf den Weg?
Nutze vorhandene Ressourcen! Geh so früh wie möglich weg vom Schreibtisch und sprich mit den involvierten Personen, teste möglichst schnell Dein Produkt oder Deine Dienstleistung, um möglichst früh Feedback von allen Beteiligten zu erhalten. Und versuche, sinnvolle Kooperationen einzugehen.

Welche Blogs / Podcast o.ä. empfiehlst du Social Entrepreneurs?
Helden und Visonäre Eine Reihe mit sehr schönen und inspirierenden Porträts von Menschen, die mutig neue Wege für eine bessere Welt erkunden.
Das Social-startups-Magazin, das in verschiedenen medialen Formaten rund um das Social Entrepreneurship und Social Entrepreneurs informiert.
Die Facebook-Gruppe Sozialunternehmer/innen: die derzeit größte Community für Social Entrepreneurship im deutschsprachigen Raum mit aktuellen Hinweisen zu Veranstaltungen, neuen Entwicklungen rund um den Sektor und Infos zu verschiedenen Programmen und Fördermöglichkeiten.

Liebe Birgit, herzlichen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Gabriele Hennemuth.

 

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