Veli: Das Startup macht den Haushalt zum Beschützer

Foto: Fiona Körner

Tim Weiß, wissenschaftlicher Mitarbeiter am UPP, Institut für umweltgerechte Produkte und Prozesse, erlebte die Sorge um die pflegebedürftige Oma hautnah mit. Kaum war sie nach einem Oberschenkelhalsbruch wieder mobil, stürzte sie und lag mehrere Stunden in der Wohnung bis Angehörige vorbeikamen. Für ältere Menschen und ihre Angehörigen ein bedrückendes, aber kein seltenes Szenario. Wie kann verhindert werden, dass ältere Menschen hilflos für längere Zeit in ihrer Wohnung liegen müssen, fragte sich Umweltingenieur Tim Weiß. Er beschloss, eine Lösung zu entwickeln.

Seine Idee: Mit Hilfe von Energiedaten müsste es möglich sein, individuelle Profile zu entwickeln, um auf Abweichungen der Verbräuche zu reagieren und Notsituationen zu erkennen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter begann, in seiner Wohngemeinschaft Strom- und Wasserdaten zu messen und Energieprofile für Kühlschrank, Waschmaschine, Herd und Kaffeemaschine zu erstellen.

„Etwas Eigenes aufzubauen, was einen Unterschied macht“, so beschreibt Tim Weiß seine Motivation. „Ich habe schon so unglaublich viel Wissen über Datenanalyse aufgebaut. Wenn ich jetzt in die Industrie gehen würde, würde wahrscheinlich viel davon verlorengehen. Mit Veli kann ich mein Know-How sinnstiftend nutzen und ein tolles Produkt entwickeln, das Menschen hilft und unglaublich viel Potenzial für weitere Produkte bietet.“

Das Besondere an dem System des inzwischen 5-köpfigen Teams ist, dass es keine Überwachungskameras oder Wearables gibt, die von den Seniorinnen und Senioren getragen werden müssen, sondern dass das System im Hintergrund läuft und die Privatsphäre wahrt. Die Veli-KI, die künstliche Intelligenz, erkennt vergessene Herdplatten oder Stürze durch Abweichungen der täglichen Routine und schlägt Alarm – wenn der Fernseher nicht zur gewohnten Zeit angeschaltet wird, der Nachmittags-Kaffee oder Tee nicht gekocht wird, die Wärmflasche nicht vorbereitet wird: Angehörige oder Pflegekräfte werden informiert und können sofort agieren.

Um die Idee weiterzuentwickeln, startete Veli mit dem Hessen Ideen Stipendium. In sechs Monaten konnte das Team aus der Universität Kassel gemeinsam mit Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Hessen ein Akzeleratorprogramm durchlaufen und die Idee weiter ausarbeiten. Die finanzielle Förderung ermöglichte es dem Team, sich vollkommen auf die Weiterentwicklung der Idee zu fokussieren. Danach konnte Veli EXIST-Stipendien akquirieren, um weitere Entwicklungsarbeiten voranzutreiben und einen Businessplan zu erstellen.

Mittlerweile sind mit Jan-Peter Seevers und Maximilian Schnettler zwei weitere Gründer dazugekommen. Jan-Peter, der promovierte Wirtschaftsingenieur, kümmert sich um Marketing und Finanzen und ist Ansprechpartner für das Team, Max, der aus dem Bereich Elektrotechnik/Informatik kommt, ist für die Produktentwicklung verantwortlich und Tim als CTO für die Cloud und alle Hardwarethemen.

„Ein Unternehmen aufzubauen macht Spaß“, bestätigt Max. „Mir macht es super viel Freude, in einer Startup-Atmosphäre zu arbeiten und die Arbeitskultur mit aufzubauen und zu formen.“ Er selber ist als Freelancer eingestiegen. Als die Zusammenarbeit immer intensiver wurde und sich der Wechsel ins Gründungsteam ergab, stieg er bei Veli ein.

„Wir haben am Anfang zu viele Baustellen gleichzeitig aufgemacht“, beschreibt Tim die Herausforderungen. „Wir haben unsere Kunden gefragt, welche Bedürfnisse sie haben und natürlich wurden viele unterschiedliche Wünsche an uns herangetragen. Dadurch haben wir zu viel Zeit in die Entwicklung von verschiedensten Hardware-Lösungen und die Integration verschiedenster Systemkomponenten gesteckt.“ Heute rät er jungen Gründungsteams, mit einer kleinen, einfachen Lösung zu starten und sich zu fokussieren.

„Als Startup suchen wir nach Leuten im Team, die sich verantwortlich fühlen und nicht davor zurückschrecken, auch Probleme zu benennen“, erklärt Jan-Peter. „Wir haben alle lange in WGs gewohnt und wissen, dass es wichtig ist, Diskussionen nicht aus dem Weg zu gehen. Nur so können wir gute Lösungen finden“. Das Team arbeitet agil in Sprint-Systemen. Übergeordnete Ziele werden zu handhabbaren kleineren Zielen heruntergebrochen und bearbeitet. Einmal in der Woche setzt sich das ganze Team zusammen, um die Aufgaben der Woche zu besprechen und zu verteilen. Morgens gibt es zum Arbeitsbeginn ein kurzes Daily Standup, um sich kurz auf den Tag einzustimmen. Das Gründungsteam trifft sich daneben regelmäßig, um die strategische Ausrichtung zu besprechen. Nach vielen Gesprächen mit potentiellen Kunden und Branchenexperten haben sich die drei entschieden, ihre Sicherheitslösung B2B Kunden anzubieten. Erste Wohnanlagen mit Angeboten des betreuten Wohnens haben das Produkt bereits implementiert.

Als einer der nächsten Schritte ist die Ausweitung auf die Datenmessung bei Senioren, die auf dem Land leben, geplant. Für die Zukunft hat das Team außerdem weitere Produktinnovationen im Bereich Energieeffizenz geplant.

 

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